August 1914

Autoren blicken auf die Städte Europas

August 1914 – Ein europäisches Autorenprojekt zum Kriegsausbruch
23 Schriftstellerinnen und Schriftsteller – 23 Städte und ihre Zeitungsarchive
23 Perspektiven – Ein vielfarbiges Porträt des Europa im August 1914

Dreiundzwanzig Autorinnen und Autoren aus ebenso vielen Städten Europas sind der Aufforderung durch das Netzwerk der Literaturhäuser in Deutschland, Österreich und der Schweiz gefolgt, haben in ihren Städten die Zeitungen von Juli und August 1914 gelesen und sich von dem darin vorgefundenen Material zu Texten anregen lassen. Unsere Absicht war nicht, die Schriftstellerinnen und Schriftsteller zu dilettierenden Hilfskräften der Historiographie werden zu lassen, sondern zu erfahren, wie heute von jener Zeit und ihren Menschen erzählt werden kann. Hundert Jahre nach dem dramatischen und zumindest für Europa extrem folgenreichen Geschehen, das in den ersten globalen Krieg der Menschheitsgeschichte führte, schien es uns an der Zeit zu sein, noch einmal genauer hinzusehen, was und wie die Menschen in den unterschiedlichen Regionen Europas damals dachten, mit welchen Bildern, Überzeugungen, Phantasmen oder Ideologien sie sich in die Katastrophe begaben oder dieser zu entkommen trachteten.

Beteiligt an diesem großzügig durch die Kulturstiftung des Bundes geförderten Projekt waren Bettina Balàka, Zsófia Bán, Marcel Beyer, Melitta Breznik, Éric Chevillard, Filip Florian, Marjana Gaponenko, Karl-Markus Gauß, Lukas Hammerstein, Dževad Karahasan, A. L. Kennedy, Angela Krauß, Steffen Kopetzky, Andrea Molesini, Stefan Moster, Erwin Mortier, Melinda Nadj Abonji, Julya Rabinowich, Uwe Saeger, Katrin Seddig, Ulf Stolterfoht, Ayfer Tunc, Sreten Ugričić.

Entstanden sind dabei unterschiedlichste, in der Zeit des beginnenden Ersten Weltkriegs verankerte Erzählungen, Essays, in einem Fall eine schier dramatische Dichtung sowie kommentierende Betrachtungen des Zeitgeschehens.

Diese werden im Mai und Juni 2014 in einem Veranstaltungszyklus in den Literaturhäusern des Netzwerkes vorgestellt, der Auftakt fand am 9. Mai mit einer Langen Nacht in Berlin statt, zu der 18 Autorinnen und Autoren anreisten und welche in Kooperation mit der Körber-Stiftung, Hamburg geplant wurde.


Die Autoren

Melinda Nadj Abonji, geboren 1968 in Becsej, Serbien, lebt als Schriftstellerin und Musikerin in Zürich. Ihre Familie hatte zur ungarischen Minderheit in Jugoslawien gehört, ihre Muttersprache ist ungarisch. Sie hat inzwischen das Schweizer Bürgerrecht erhalten. Ihr 2010 erschienener Roman Tauben fliegen auf wurde im Erscheinungsjahr sowohl mit dem Deutschen Buchpreis wie dem Schweizer Buchpreis ausgezeichnet.

Bettina Balàka, 1966 in Salzburg geboren, studierte Englisch und Italienisch und lebt nach Auslandsaufenthalten in England und den USA in Wien. Für ihre Werke erhielt sie neben mehreren Stipendien auch den Rauriser Förderpreis, den Alfred Gesswein-Preis für Lyrik, den Förderpreis der Stadt Wien, u.a.. Zuletzt veröffentlichte sie den Roman Kassiopeia (2012).

Zsófia Bán, 1957 in Rio de Janeiro geboren, ist eine ungarische Schriftstellerin, Essayistin und Literaturkritikerin. Für ihr literarisches Debüt Abendschule: Fibel für Erwachsene (Estiiskola, 2007, dt. 2012) erhielt sie 2008 den Attila-József-Preis. Sie schreibt in verschiedenen ungarischen Medien zu Themen wie Frauen-Literatur, Homosexuelle Kultur, sowie zur amerikanischen und ungarischen Literatur und Kunst. Zuletzt erschien Als nur die Tiere lebten (Amikor meg czak az allatok eltek, 2012, dt. 2014)

Marcel Beyer, geboren 1965, lebte bis 1996 in Köln, seitdem in Dresden. Studium der Germanistik, Anglistik und der Allgemeinen Literaturwissenschaft in Siegen. Prosa, Lyrik, Essays, zuletzt u.a.: Kaltenburg, Roman (2008) sowie Putins Briefkasten. Acht Recherchen (2012). Zahlreiche Preise, u.a.: Heinrich-Böll-Preis (2001), Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Tübingen (2003), Spycher-Literaturpreis (2004), Erich-Fried-Preis (2006), Joseph-Breitbach-Preis (2008)

Melitta Breznik, 1961 in der Steiermark geboren, lebt heute in Basel. Die Erfahrungen mit ihrer Arbeit in der Psychiatrie fanden Eingang in ihre Werke, welche von der Kritik wegen ihres Stils gelobt wurden. Sie debütierte 1995 mit Nachtdienst, zuletzt erschien 2014 der Roman Der Sommer hat lange auf sich warten lassen.

Éric Chevillard, 1964 in Roche-sur-Yon geboren, ist Schriftsteller, Kolumnist und experimenteller Blogger. Als Autor von gut einem Dutzend Romanen und Erzählungen wurde er mit dem Prix Fénéon und dem Prix Wepler ausgezeichnet. Zuletzt erschien auf Deutsch Krebs Nebel (La Nébuleuse du Crabe, 1993, dt. 2013).

Filip Florian wurde 1968 in Bukarest geboren, wo er auch heute noch lebt. Nach dem Studium der Geologie und Geophysik arbeitete er als Journalist für die Zeitschrift Cuvintul, anschließend für Radio Freies Europa und die Deutsche Welle. Auf Deutsch ist bisher sein Roman Kleine Finger (Degete mici, 2005, dt. 2009) erschienen.

Marjana Gaponenko wurde 1981 in Odessa (Ukraine) geboren und studierte dort Germanistik. Nach Stationen in Krakau und Dublin lebt sie nun in Mainz und Wien. Sie schreibt seit ihrem sechzehnten Lebensjahr auf Deutsch. 2009 wurde sie mit dem Frau Ava Literaturpreis ausgezeichnet. Ihr Romandebüt Annuschka Blume erschien 2010, 2012 ihr zweiter Roman Wer ist Martha? für den sie 2013 mit dem Chamisso-Preis und dem österreichischen Literaturpreis Alpha ausgezeichnet wurde.

Karl-Markus Gauß wurde 1954 in Salzburg geboren, wo er heute als Autor und Herausgeber der Zeitschrift Literatur und Kritik lebt. Seine Bücher wurden in viele Sprachen übersetzt und oftmals ausgezeichnet, darunter mit dem Prix Charles Veillon (1997), dem Georg-Dehio-Preis (2006) und dem Johann-Heinrich-Merck-Preis (2010). Zuletzt erschienen Im Wald der Metropolen (2010), Ruhm am Nachmittag (2012) und Das Erste, was ich sah (2013)

Lukas Hammerstein , geboren 1958 in Freiburg,Br., studierte Jura und Philosophie und arbeitet heute als Politik-Redakteuer beim BR. Er veröffentlichte mehrere Romane, darunter Die 120 Tage von Berlin(2003), Video (2006) und zuletzt Wo wirst du sein (2010). Darüber hinaus ist Hammerstein Autor eines Theaterstücks sowie zahlreicher Radiofeatures und Essays zu Ästhetik und Politik.

Steffen Kopetzky, geboren 1971 in Pfaffenhofen an der Ilm , studierte Philosophie und Romanistik in München , Paris und Berlin . Seit 1993 lebte er zunächst als freier Schriftsteller in Berlin und inzwischen wieder in seinem Geburtsort, wo er seit 2007 auch in der Kommunalpolitik engagiert ist, seit 2008 ist er im Stadtrat als Referent für Kultur tätig. Zuletzt erschien 2008 sein Roman Der letzte Dieb.

Dževad Karahasan, 1953 in Duvno/Jugoslawien geboren, Erzähler, Dramatiker und Essayist. Die Belagerung Sarajevos war Thema seines in zehn Sprachen übersetzten Tagebuch der Aussiedlung (1993) und seiner letzten Romane Schahrijars Ring (1997) und Sara und Serafina (Sara i Serafina, xxx, dt. 2000). Sein Werk wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Er lebt in Graz und Sarajevo. Dževad Karahasan erhielt 2003 den Buchpreis zur Europäischen Verständigung.

A. L. Kennedy, geboren 1965, gehört zu den meistbeachteten Autorinnen in Großbritannien. Sie hat mit ihren Short-Story-Sammlungen und Romanen mehrere Preise gewonnen, darunter den Somerset-Maugham-Award. Für ihren Roman Day erhielt sie 2007 den COSTA Book Award in der Sparte Roman. Zuletzt erschien der Roman Das Blaue Buch (The Blue Book, 2011, dt. 2012). Kennedy lebt als Autorin, Filmemacherin und Dramatikerin in Glasgow.

Angela Krauß wurde 1950 in Chemnitz geboren, studierte zunächst Werbegestaltung in Berlin und arbeitete dort für Messen und Ausstellungen. 1976 nahm sie das Studium am Literaturinstitut „Johannes R. Becher” in Leipzig auf, wo sie seit 1980 als freie Schriftstellerin lebt. Zahlreiche Preise und Ehrungen, u.a. Ingeborg-Bachmann-Preis (1988), Hermann-Lenz-Preis (2007), Wilhelm-Müller-Preis des Landes Sachsen-Anhalt (2013) geehrt. Zuletzt veröffentlichte sie Ich muß mein Herz üben, Gedichte (2009), Im schönsten Fall, Prosa (2011).

Andrea Molesini , 1954 in Venedig geboren, ist bislang als literarischer Übersetzer in Erscheinung getreten. Zu lieben und zu sterben, 2010 in Italien erschienen, ist sein erster Roman, für den er mit dem Premio Supercampiello geehrt wurde, mit dem Leser und Buchhändler per Abstimmung den besten Roman des Jahres auszeichnen. Der Roman wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt, auf Deutsch erschien er 2012.

Erwin Mortier wurde 1965 in Nevele in Flandern (Belgien) geboren. Er ist Kunsthistoriker, Schriftsteller und Journalist. Er wurde mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet, u.a. für seinen Debütroman Marcel (1999, dt. 2001). Von seinen zahlreichen Werken wurden zuletzt Götterschlaf (Godenslap, 2008, dt. 2010 ) und Belichtungszeiten (Sluitertijd, 2002, dt. 2007) ins Deutsche übersetzt.

Stefan Moster, 1964 in Mainz geboren, lebt als Schriftsteller und Übersetzer im finnischen Espoo. Moster war Dozent an Universitäten in München und Helsinki. 1997 wurde er mit dem Münchner Literaturstipendium für Übersetzung ausgezeichnet. 2001 folgte der Staatliche finnische Übersetzerpreis. 2009 gab Moster sein literarisches Debüt mit dem Roman Die Unmöglichkeit des vierhändigen Spiels, zuletzt erschien Die Frau des Botschafters (2013).

Julya Rabinowich , geboren 1970 in St. Petersburg, lebt seit 1977 als Autorin, Malerin und Simultandolmetscherin in Wien, wo sie auch studierte. Für ihren Debütroman Spaltkopf (2008) erhielt sie u.a. den Rauriser Literaturpreis (2009). Sie wurde u.a. mit dem Arbeitsstipendium des österreichischen Bundeskanzleramts (2009) sowie dem Elias-Canetti-Stipendium der Stadt Wien 2010 und 2012 geehrt. 2011 nahm sie an den Tagen der deutschsprachigen Literatur (Bachmann-Preis) teil. Zuletzt erschienen Herznovelle (2011, nominiert für den Prix du Livre Européen) und der Roman Die Erdfresserin (2012).

Uwe Saeger , 1948 in Greifswald geboren. Seit 1976 freier Schriftsteller. Er veröffentlichte zahlreiche Erzählungen, Romane, Drehbücher und Hörspiele. Ausgezeichnet wurde er unter anderem mit dem Adolf-Grimme-Preis und dem Kulturpreis des Landes Mecklenburg-Vorpommern. Für seine Novelle Aus einem Herbst jagdbaren Wildes erhielt er 1987 den Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt. Zuletzt erschien Die gehäutete Zeit. Ein Judasbericht (2008).

Katrin Seddig , geboren 1969 in Strausberg, Brandenburg, studierte Philosophie in Hamburg, wo sie heute auch lebt. 2008 erhielt sie für ihre Erzählungen den Förderpreis für Literatur der Hansestadt Hamburg. Zuletzt erschien 2012 der Eheroman.

Ulf Stolterfoht, geboren 1963 in Stuttgart. Studium der Germanistik und Allgemeinen Sprachwissenschaft in Bochum und Tübingen, Gastprofessor am Deutschen Literaturinstitut Leipzig (2009). Lebt in Berlin, Lyriker, Essayist, Herausgeber und Übersetzer. Zuletzt u.a.: ammengespräche (2010), Frauen-Liebe und Leben. Variation zu Adelbert von Chamisso (zusammen mit Sabine Scho, 2010), WIDER DIE WIESEL (2012), Das deutsche Dichterabzeichen (2012) sowie die Übersetzung von Tom Raworths Logbuch (2012). Zahlreiche Preise und Stipendien, u.a.: Anna-Seghers-Preis (2005), Peter-Huchel-Preis (2008)

Ayfer Tunç wurde 1964 geboren. Bereits während ihres Studiums der Politikwissenschaften verfasste sie Artikel für verschiedene Literatur- und Kulturzeitschriften. Unter dem Titel Sakli erschien 1989 ihr erster Sammelband mit Kurzgeschichten, gefolgt von ihrem Romandebüt Kapak Kizi im Jahre 1992. Ihre Werke wurden bereits in mehrere Sprachen übersetzt und mit dem Yunus Nadi Preis für Kurzgeschichten (1989) sowie dem Balkanika Preis für Literatur (2003) ausgezeichnet. Ayfer Tunç lebt heute in Istanbul.

Sreten (Ugričić), geboren 1961 in Herceg Novi , Jugoslawien, ist Essayist, Konzeptkünstler, Astronom und Philosoph. Autor von Kurzgeschichten und Romanen. Auf Deutsch ist bisher nur sein jüngstes Werk An den unbekannten Helden (Neznanom junaku, 2010, dt. 2011) erschienen. U gričić ist Mitglied des serbischen P.E.N. und war von 2001 bis 2012 Leiter der Serbischen Nationalbibliothek. 2013 war er als Writer in Residence in Zürich, momentan lebt er als Gastgelehrter an der Universität Stanford, Kalifornien.


2014 in den Literaturhäusern

9. Mai, Berlin, 18.00 Uhr: Eröffnungsveranstaltung
8. Mai, Basel, 19:00 Uhr: Melitta Breznik/Dževad Karahasan
12. Mai, Rostock, 20:00 Uhr: Stefan Moster/Uwe Saeger
12. Mai, Stuttgart, 20:00 Uhr: Éric Chevillard/Ulf Stolterfoht
13. Mai, Leipzig, 19:30 Uhr: Marjana Gaponenko/Angela Krauß
13. Mai, Hamburg, 19:30 Uhr: Filip Florian/Steffen Kopetzky
20. Mai, Salzburg, 20:00 Uhr: Karl-Markus Gauß/Julya Rabinowich/Ayfer Tunc
22. Mai, Graz, 20:00 Uhr: Bettina Balàka/Zsófia Bán
27. Mai, Zürich, 19:30 Uhr: Marcel Beyer/Stefan Moster
27. Mai, Köln, 19:00 Uhr: Steffen Kopetzky/Andrea Molesini
27. Mai, München, 19:30 Uhr: Marjana Gaponenko/Karl-Markus Gauß/Lukas Hammerstein/Angela Krauß
3. Juni, Basel, 19:00 Uhr: Zsófia Bán/Steffen Kopetzky
4. Juni, Köln, 19:00 Uhr: Marcel Beyer/Erwin Mortier
5. Juni, Leipzig, 19:30 Uhr: Marcel Beyer/Erwin Mortier
5. Juni, Zürich, 19:30 Uhr: Melinda Nadj Abonji/Sreten Ugričić
16. Juni, Stuttgart, 20:00 Uhr: A. L. Kennedy/Katrin Seddig
17. Juni, Graz, 20:00 Uhr: A. L. Kennedy/Andrea Molesini
18. Juni, Salzburg, 20:00 Uhr: A. L. Kennedy/Andrea Molesini
19. Juni, Hamburg, 19:30 Uhr: A. L. Kennedy/Katrin Seddig


History@Debate

Im Webtalk der Gerda Henkel Stiftung und der Körber-Stiftung wurde die Veranstaltung mit Marcel Beyer, Dževad Karahasan und Marjana Gaponenko, moderiert von Sigrid Löffler, als Livestream übertragen. Das Video können Sie auf www.koerber-stiftung.de sehen.


horenDie Texte erscheinen als Sammelband in der Reihe „die horen“ im Wallstein Verlag.


Gefördert durch die

kulturstiftung_bund

koerber