»Eine Brücke für das Gedicht« von Rudolf Bussmann, eine kommentierte Anthologie zeitgenössischer Lyrik

literaturhaus.net empfiehlt Lyrik / April 2016

Katrin Eckert vom Literaturhaus Basel empfiehlt »Eine Brücke für das Gedicht« von Rudolf Bussmann (Offizin Verlag 2014):
Nicht wenige Leserinnen und Leser schrecken zurück, wenn von zeitgenössicher Lyrik die Rede ist. Sie gilt als schwer zugänglich und unverständlich. Für alle, die dieses Vorurteil teilen und sich die Lektüre von Lyrik nicht recht zutrauen, ist dieses Buch gemacht. Rudolf Bussmann ist selber Lyriker, Autor von Kurzprosa und hat jahrelang (zusammen mit Martin Zingg) die Literaturzeitschrift »Drehpunkt« herausgegeben. Er ist ein begnadeter Literaturvermittler. Dieser Lyrikkenner hat nun 75 Gedichte ausgewählt und zu jedem einzelnen eine kurze Betrachtung geschrieben. Alles, was Rang und Namen hat, ist in diesem Band versammelt: Friederike Mayröcker und Sarah Kirsch, Nora Bossong und Yoko Tawada, Lutz Seiler und Hans Magnus Enzensberger, Klaus Merz und Michael Krüger, um nur einige zu nennen. Man bekommt also einen sehr schönen Querschnitt präsentiert. Das alleine macht den Band lesenswert. Aber er zeigt einem auch viele Wege auf, sich einem Gedicht zu nähern. Die kurzen Texte, die Bussmann den Gedichten beifügt, liefern keine fertigen Interpretationen. Vielmehr machen sie nachvollziehbar, wie er Gedichte liest und versteht: Welche Wendung im als erstes ins Auge springt, was das Aussergewöhnliche an der Naturbeschreibung ist, welche Lesart sich im spontan aufdrängt, und wie er dann zu einer zweiten und dritten kommt. Er erläutert die Assoziationen, die er zum Text hat und ermutigt den Leser, die Leserin damit, den eigenen Assoziationen zu trauen und ihnen nachzugehen. Unaufgeregt, klug und unterhaltsam sind Bussmanns Erläuterungen, die kein Wissen, sondern nur die sorgfältige Lektüre voraussetzen.