Ilse Aichinger: »Verschenkter Rat«

literaturhaus.net empfiehlt Lyrik / Oktober 2015

Im Oktober empfiehlt Tomas Friedmann, Leiter des Literaturhauses Salzburg, Ilse Aichingers Gedichtband »Verschenkter Rat« (S. Fischer Verlag, 1978):

»Der Gedichtband >Verschenkter Rat< von Ilse Aichinger ist in seiner Bedeutung innerhalb der deutschsprachigen Nachkriegslyrik unbestritten. Trotzdem erfährt die bald 94-jährige österreichische Schriftstellerin, die ein schmales und zugleich gewaltiges Werk (ein Roman, mehrere Erzählbände und Hörspiele sowie Texte und Lyrik) vorzuweisen hat, kaum noch Beachtung. Dabei ist Aichingers Literatur zeitlos jung geblieben, hoffungslos poetisch, schmerzhaft weise. Es geht um Verlust und Hingabe, um Gewalt und Glück, um Erinnerung und um Sprache. Die Gedichte warnen und trösten, verändern ohne daran zu glauben, sind widerständige Botschaften an die Welt, ohne diese erklären zu wollen – bloß „zeitlicher Rat“: Zum ersten / mußt du glauben, / daß es Tag wird, / wenn die Sonne steigt. / Wenn du es aber nicht glaubst, / sage ja. / Zum zweiten mußt du glauben / und mit allen deinen Kräften, / daß es Nacht wird, / wenn der Mond aufgeht. / Wenn du es aber nicht glaubst, / sage ja / oder nicke willfährig mit dem Kopf, / das nehmen sie auch.«