»Wolkenformeln« von Jan Volker Röhnert

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In diesem Monat legt Susanne Lewalter, die Leiterin des Literaturhaus Villa Clementina in Wiesbaden, den Lesern den Lyrikband »Wolkenformeln« von Jan Volker Röhnert nahe, erschienen 2014 in der Edition Faust. Frankfurt/Main:

Als ein Flaneur wird der Lyriker Jan Volker Röhnert häufig von der Literaturkritik bezeichnet. Denn das lyrische Ich seiner Gedichte durchstreift Landschaften und Städte, »steinrote Terrassen«, märkischen Kies, Siena, Bordeaux oder Puerto Feliz und steigt bisweilen hinauf bis in die Höhen von »Wolkenterrassen zu Kelchen und Tassen verformt«. »Wolkenformeln« heißt denn auch der jüngste Gedichtband des mittlerweile vielfach ausgezeichneten Lyrikers. Der belesene Braunschweiger Literaturprofessor, der Jan Volker Röhnert hauptberuflich auch ist, verweist zu Beginn seines Gedichtbandes mit einem Zitat Baudelaires auf die Richtung seines dichterischen Blicks, den er virtuos fortschreibt: »J’aime les nuages… les nuages qui passent… là-bas… les merveilleux nuages«.

Über das Licht und den Himmel zu schreiben ist kein leichtes Unterfangen. Nicht nur weil es darüber vielleicht nichts Neues mehr zu sagen gäbe und die Gefahr der idyllischen Weltvergessenheit, Schwärmerei oder Platitüde droht. Doch Jan Volker Röhnert gelingt es auf eindrückliche Weise, literarische Traditionslinien elegant wie ein Flaneur zu streifen, um schließlich ganz eigene Sprachbilder zu entwickeln. Nicht zufällig sind Fotografie oder Malerei immer wieder der Anlass seines Schreibens. Bei aller (fotografischen) Sehnsucht den Augenblick festzuhalten, den Ausdruck einer Landschaft oder eines Gesichtes zu bannen und damit das Bewusstsein der Subjektivität einer Impression zu reflektieren, übersteigt er sogar die Möglichkeiten von Fotografie oder Malerei. In hingebungsvollen Sprachbildern verbinden sich in seinen Gedichten sinnliche Wahrnehmung und Empfindung sowie Bildwelten der Vergangenheit und Gegenwart: »Wo ich dich träumte, der Ort / ist nicht wo ich dich sah, / nicht wo du dein Kleid / von den Hüften streifst/ der Traum noch einmal beginnt«.

Oder um es in Himmelsbildern auszudrücken: »>Die Träume des Himmels<, sagtest du im Schlaf,/ wälztest dich auf dem Laken im Mondlicht, bis / du auf andere Gedanken kamst. Wolken, wie / Träume, entziehen sich, wenn du von ihnen sprichst«.

Jan Volker Röhnert vermag es, das innere Auge seiner Leser zu schärfen, zu verwandeln und zu bezaubern. Und man wünscht sich, dass dieser paradoxe wie himmlische Zustand nicht so schnell aufhören möge.