Emily Dickinson: »Sämtliche Gedichte«

literaturhaus.net empfiehlt Lyrik / September 2015

Diesen Monat empfiehlt Rainer Moritz, Leiter des Literaturhauses Hamburg, Emily Dickinson »Sämtliche Gedichte« (Zweisprachig. Übersetzt, kommentiert und mit einem Nachwort von Gunhild Kübler. Carl Hanser Verlag, München 2015. 1404 Seiten.):

»Was für eine prachtvolle Edition! Eintausendvierhundert Seiten auf Dünndruckpaper sind notwendig, um – erstmals auf Deutsch – das lyrische Gesamtwerk der Amerikanerin Emily Dickinson (1830 – 1886) zu präsentieren. Zurückgezogen lebend, blieb sie stets eine Außenseiterin, die mit ihren scheinbar aus der Zeit fallenden Versen ihre Zeitgenossen überforderte. Ganze zehn ihrer Gedichte erschienen zu Lebzeiten; 1789 Gedichte umfasst nun diese Gesamtausgabe. Viele Jahre lang hat die studierte Anglistin und Literaturkritikerin Gunhild Kübler daran gearbeitet, um Dickinsons Gedichte in ein adäquates Deutsch zu bringen und diese mit Anmerkungen sowie einem ausführlichen Nachwort zu ergänzen. So ist es nun möglich, Dickinsons Renommee als „schwierige, betörend rätselhafte Autorin“ genauer zu beurteilen und ihr Werk auf persönliche Lebenskrisen und auf die politischen Zeitläufte, vor allem den amerikanischen Bürgerkrieg, zu beziehen.

Dickinson ist seit längerem kein Geheimtipp der Literaturgeschichte mehr, doch erst Gunhild Küblers immense Übersetzungs- und Editionsleistung bietet die Gelegenheit, sich in dieses Werk zu versenken und die Gedichte als korrespondierende zu lesen: „Rot – ist der Morgen – gleißend – / Lila – des Mittags Hitze – / Gelb – der Tag – sich neigend – / Und hintennach – kommt Nichts – // Nur Meilen Funken – Abends – / Offenbaren die Weite die lohte – / Landstriche voller Silber – noch immer ungehoben –“.«